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DAS CHRONIKWESEN IN TIROL

Sie sind das „Gedächtnis ihrer Gemeinden“ – die mehr als 300 Ortschronist/innen in Tirol, die mit großem Elan und Verantwortungsbewusstsein das aktuelle Geschehen in ihren Gemein-den beobachten und Wesentliches aufzeichnen, um es vor dem Vergessenwerden in einer schnelllebig gewordenen Zeit zu bewahren.

Ihre Arbeit erfolgt in drei Ebenen: Mit ihrer Zeitchronik, dem „Blick auf das Jetzt“, schaffen die sie Grundlagen, die spätere Generationen als wertvolle Quellen nutzen können. Der „Blick zurück“ äußert sich im Aufarbeiten alter Urkunden, im Sammeln von Daten und Zeugnissen vergangener Epochen und mündet als sichtbares Ergebnis nicht selten im Abfassen von Gemeinde- und Heimatbüchern. Das Wissen um die Vergangenheit des Heimatdorfes ermöglicht aber auch einen kompetenten „Blick voraus“. Nicht wenige Chronisten/innen leisten wertvolle Kulturarbeit, indem sie sich in Dorferneuerungs-Ausschüssen engagieren und durch Beiträge in Dorfzeitungen und Regionalmedien zu einem gesunden Heimatbewusstsein beitragen, das Bescheidenheit vor den Leistungen früherer Generationen mit der Wertschätzung der Aktivitäten heutiger zu verbinden versucht. Sie verstehen sich als Glied in der Kette kontinuierlicher Entwicklung und versuchen dabei für Neuerungen offen und zugänglich zu bleiben.

 

Das Chronikwesen in Tirol hat in den vergangenen Jahrzehnten einen hohen Entwicklungsstand erreicht und dabei Modellcharakter angenommen, was sowohl Inhalt als auch Organisation anbelangt. Da keine restriktive Normierung der Chronistentätigkeit erfolgt, gleicht die Arbeit des Ortschronisten/der Ortschronistin einer „bunten Blumenwiese“, das heißt, über die unverzichtbare Aufzeichnung von Basisdaten hinaus ist es jedem einzelnen Chronisten/jeder Chronistin überlassen, seine/ihre persönlichen Stärken in die Chronikführung einfließen zu lassen - was ungemein motivierend für diese zeitaufwendige Arbeit ist. So entsteht eine Vielfalt an Chroniken: die täglich/wöchentlich abgefasste Geschriebene Chronik, die mit Zeitungsausschnitten und Fotos Illustrierte Chronik, der möglichst lückenlos zusammengestellte „Pressespiegel“, die mit Kurzkommentaren versehene Bildchronik, die Ton- und Videochronik und in zunehmendem Maße eine Hinwendung zu den neuen Medien wie Internet (homepage) und CD-Rom in der Digitalen Chronik. Daneben legen viele Chronisten/Chronistinnen auch Sammlungen von Sterbebildchen, Bildpostkarten u.v.m. an. Das umfangreiche Material wird in einem Ordnersystem, chronologisch nach Jahren oder Sachgebieten gegliedert, oder in gebundenen Jahrbüchern archiviert und ist öffentlich zugänglich.

 

Seit es schriftliche Aufzeichnungen gibt, sind auch Chronisten tätig, die im Auftrag von Behörden, Kirchen, Vereinen oder aus Privatinteresse Wichtiges und Bewahrenswertes aufschreiben. Die Idee, in jeder Gemeinde des Landes einen nicht weisungsgebundenen und damit möglichst objektiv arbeitenden Chronisten zu installieren, geht auf Landes-archivdirektor HR Dr. Eduard Widmoser zurück. Er hatte auch wesentlichen Anteil am Aufbau der Arbeitsgemeinschaft der Chronisten, wirkte als deren erster Landesvorsitzender und gliederte sie der Dachorganisation, dem Tiroler Kulturwerk, an.

Diese Arbeitsgemeinschaft, die derzeit vom Landeschronisten Prof. Mag. Helmut Hörmann aus Stams, seinem Stellvertreter Karl Wurzer aus Volders und MMag. Bernhard Mertelseder als Chronikreferent des Tiroler Bildungsforums geleitet wird, sieht ihre Hauptaufgabe in der Koordination der Chronistentätigkeit und in der Betreuung, Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter/innen. Große Bedeutung kommt auch den aktiven Bezirkschronisten/innen zu, die in ihrem Bereich Chronistenstammtische und Fortbildungsveranstaltungen anbieten.  Nur fundiertes Wissen in verschiedensten Teilbereichen vermag jene Kompetenz zu geben, die für diese wichtige Kulturarbeit notwendig ist.

Chronisten/innen verstehen sich auch als Serviceeinrichtung für die Öffentlichkeit: sie erklären historische Zusammenhänge in zahlreichen heimatkundlichen Publikationen, helfen beim Entziffern und Verstehen alter Urkunden, sind bei der Familienforschung behilflich, unterstützen Dissertanten und Heimatkundler bei ihrer Informationssuche und bieten dem interessierten Leser und  Forscher in drei Fachbibliotheken in Silz (Chronistenbibliothek Oberland für die Bezirke Landeck, Imst und Reutte), in Telfs (Chronistenbibliothek Tirol Mitte für die Bezirke Innsbruck Land und Schwaz) und eine im Aufbau begriffene Bibliothek in Lienz (Chronistenbibliothek Osttirol) eine Fülle von  Spezialliteratur zu Geschichte, Heimat- und Volkskunde, Kunst und Fotografie.

 „Was nicht geschrieben ist, gibt es nicht auf der Welt“. Dieser Gedanke aus einer alten Klosterurkunde ist zum Leitsatz geworden, an dem sich viele Chronikmitarbeiter/innen orientieren. Es ist erfreulich, dass ihrer Tätigkeit nunmehr auch die verdiente öffentliche Wertschätzung entgegengebracht wird.

 

Helmut Hörmann